Warum entsteht aus einem Brett mit Nägeln eine Glockenkurve? Die Antwort führt Schritt für Schritt von einem simplen Münzwurf bis zum Zentralen Grenzwertsatz.
04.1Das Bernoulli-Experiment
Jeder einzelne Nagel im Galton Board ist ein Zufallsexperiment mit zwei Ausgängen: Trifft die Kugel einen Nagel, weicht sie entweder nach links oder nach rechts ab. Bei einem perfekt symmetrischen Brett sind beide Möglichkeiten gleich wahrscheinlich. Solche Experimente heißen nach Jakob Bernoulli Bernoulli-Experimente; die klassische Notation ist
P(„rechts“) = p und P(„links“) = 1 − p mit p = 0.5
Die Kugel durchläuft genau n solcher Entscheidungen – eine pro Nagelreihe. Ihre Position im Fach k entspricht daher der Anzahl der Rechts-Abweichungen unter n unabhängigen Versuchen.
04.2Die Binomialverteilung
Die Zufallsvariable X = „Anzahl der Rechts-Abweichungen“ ist binomialverteilt: X ~ B(n, p). Die Wahrscheinlichkeit, genau k-mal rechts abzuweichen, ist
P(X = k) = nk · pk · (1 − p)n−k
Jeder einzelne Pfad durch das Brett hat die Wahrscheinlichkeit pk(1−p)n−k – identisch für alle Pfade mit gleicher Rechts-Anzahl. Der Binomialkoeffizient C(n, k) zählt, wie viele verschiedene Pfade in dasselbe Fach führen. Mit p = 0.5 vereinfacht sich die Formel zu
P(X = k) = nk · 12n
Kernaussage: Das Galton Board ist ein Analogrechner für Binomialkoeffizienten – die Höhe des Kugelstapels im Fach k ist proportional zu C(n, k).
04.3Das Pascal’sche Dreieck
Die Binomialkoeffizienten lassen sich mit der Rekursion C(n, k) = C(n−1, k−1) + C(n−1, k) zeilenweise aufbauen – genau das tut das Pascal’sche Dreieck. Liest man eine Zeile des Dreiecks als Fachhöhen, hat man exakt das Ergebnis eines idealen Galton Boards vor Augen:
1 6 15 20 15 6 1 ← Zeile n = 6, Summe 26 = 64
Die Summe jeder Zeile beträgt 2n – die Gesamtzahl aller möglichen Pfade. Wichtig für das Brett: Die Koeffizienten sind symmetrisch (C(n, k) = C(n, n−k)); deshalb ist die Verteilung perfekt symmetrisch um die Mitte.
04.4Vom Binomial zur Normalverteilung (De Moivre & Laplace)
Abraham de Moivre zeigte 1733, dass die Binomialverteilung für wachsendes n gegen die Glockenkurve strebt; Pierre-Simon Laplace verallgemeinerte das 1812 zum De-Moivre-Laplace-Theorem – dem ersten Spezialfall des Zentralen Grenzwertsatzes:
nk pk(1−p)n−k ≈ 1σ√(2π) · exp(−(k − μ)22σ2)
mit Mittelwert μ = n·p und Standardabweichung σ = √(n·p·(1−p)). Schon bei n = 12 Pegreihen ist die Annäherung für die Praxis ausgezeichnet – erkennbar am roten Kurven-Overlay über dem Histogramm.
04.5Zentraler Grenzwertsatz & der „analoge Computer“
Der Zentrale Grenzwertsatz (CLT) besagt: Die Summe vieler unabhängiger, gleichverteilter Zufallseffekte ist annähernd normalverteilt – unabhängig von der Form der Einzeleffekte. Die Weglänge einer Kugel ist die Summe von n Einzelentscheidungen (±1 je Abweichung), also gilt der CLT direkt. Das Brett macht diese Mathematik physikalisch sichtbar, ohne dass ein Computer rechnet. Wichtig ist die ehrliche Einschränkung: Reale Bretter sind nie perfekt symmetrisch (jeder Nagel hat ein kleines, individuelles p ≠ 0.5), und die Kugeln stoßen sich gegenseitig – deshalb bleiben Messung und Theorie näherungsweise, aber nicht exakt gleich.